Narzisstische Kollegen: Woran du sie erkennst und wie du dich im Team schützt
In der Teambesprechung stellt jemand deine Idee vor, als wäre es die eigene. Auf dem Flur verstummen Gespräche, wenn du dazukommst. Und wenn du etwas ansprichst, bist plötzlich du diejenige oder derjenige, die „Stimmung macht“. Narzisstische Kollegen sind schwer zu greifen, weil sie formal auf deiner Ebene stehen und nach außen oft hilfsbereit und beliebt wirken. Dieser Artikel hilft dir, die typischen Muster zu erkennen, sie von gewöhnlichen Reibereien zu unterscheiden und dich im Team klug zu schützen.
Zur Einordnung: Gemeint sind hier Kolleginnen und Kollegen mit stark narzisstischen Verhaltensmustern. Eine Persönlichkeitsstörung festzustellen, ist Aufgabe von Fachleuten – niemand im Team kann das aus der Ferne beurteilen. Du brauchst auch kein Etikett. Entscheidend ist, welches Verhalten sich wiederholt und wie es auf dich wirkt. Geht es um eine Führungskraft, verschieben sich Machtverhältnisse und Handlungsmöglichkeiten deutlich. Dieser Artikel konzentriert sich bewusst auf Gleichgestellte.
Typische Muster bei narzisstischen Kollegen
Unter Gleichgestellten läuft vieles subtiler ab als in einer Hierarchie. Es gibt keine Weisungsbefugnis, also wird mit Ansehen, Informationen und Beziehungen gearbeitet.
Fremde Leistungen als eigene ausgeben. Deine Vorschläge tauchen in Präsentationen auf – ohne deinen Namen. Gemeinsame Ergebnisse werden in Mails an die Leitung als Einzelleistung verkauft.
Gerüchte und Lästern. Halbwahrheiten über dich machen die Runde, oft verpackt als Sorge: „Ist bei ihr eigentlich alles in Ordnung?“
Charme nach oben, Abwertung zur Seite. Gegenüber der Führungskraft aufmerksam und engagiert, gegenüber dir spitz, herablassend oder kühl.
Konkurrenz und stille Sabotage. Termine werden „vergessen“, Informationen kommen verspätet an, Zuarbeiten bleiben liegen, bis du in Zeitnot gerätst.
Die Opferrolle. Sprichst du ein Problem an, fühlt sich die andere Person angegriffen und erzählt im Team, wie schwierig du bist.
Grenzüberschreitungen. Ungefragt am Schreibtisch, an deinen Unterlagen, in deinem Kalender. Private Details, die du erzählt hast, werden weitergetragen.
Lob nur gegen Gegenleistung. Anerkennung oder Hilfe gibt es, solange du nützlich bist. Danach wird eine Gegenrechnung aufgemacht.
Ehrgeizig, schwierig oder narzisstisch?
Nicht jede Konkurrenz im Team ist ein Zeichen von Narzissmus. Ehrgeizige Menschen wollen vorankommen – sie können dabei trotzdem fair bleiben und eigene Fehler zugeben. Schwierige Kolleginnen und Kollegen sind vielleicht launisch, unordentlich oder schroff, aber zu allen gleichermaßen. Bei stark narzisstischen Mustern fallen dagegen drei Dinge auf: Das Verhalten richtet sich gezielt gegen bestimmte Personen, es wechselt je nach Publikum, und Kritik führt nicht zu Nachdenken, sondern zu Gegenangriff oder Rückzug in die Opferrolle. Achte weniger auf einzelne Ausrutscher als auf das, was sich über Wochen und Monate wiederholt.
Was es mit dir macht
Weil die andere Person auf deiner Ebene steht, fühlt sich das Problem oft kleiner an, als es ist. „Das ist doch nur ein Kollege“, sagst du dir. Gleichzeitig verbringst du mit diesem Menschen viele Stunden pro Woche. Viele Betroffene beginnen, ihre Arbeit übervorsichtig abzusichern, ziehen sich aus Teamgesprächen zurück oder fragen sich, ob die anderen die Gerüchte glauben. Das Vertrauen ins eigene Urteil bröckelt. Dazu kommt Einsamkeit: Wer sich beschwert, riskiert, als nachtragend zu gelten. All das ist eine verständliche Reaktion auf eine belastende Dynamik – kein Zeichen von Schwäche.
Dich im Team schützen: 8 konkrete Schritte
Du kannst die andere Person nicht verändern. Du kannst aber dafür sorgen, dass deine Arbeit sichtbar bleibt und Manipulation weniger Angriffsfläche findet.
Wichtiges schriftlich festhalten. Aufgabenverteilung, Zuständigkeiten, Fristen: Was zählt, gehört in eine Mail, ein Ticket oder ein gemeinsames Dokument.
Gespräche per Mail zusammenfassen. Nach einer mündlichen Absprache zwei, drei Sätze: „Kurz zur Bestätigung: Ich liefere die Zahlen bis Mittwoch, du übernimmst die Folien.“ Wenn es passt, die Projektleitung in Kopie.
Ergebnisse sichtbar machen. Stelle eigene Beiträge selbst vor, versioniere Dateien mit deinem Namen und berichte regelmäßig über deinen Stand. So lässt sich deine Leistung schwerer vereinnahmen.
Eigene Verbündete pflegen. Gute Beziehungen zu anderen im Team sind dein bester Schutz gegen Gerüchte. Sei zuverlässig, freundlich und präsent – ohne dich an Lästerrunden zu beteiligen.
Sachlich und knapp kommunizieren. Bleib bei Fakten, vermeide Ironie und Rechtfertigungen. Je weniger Emotion du zeigst, desto weniger kann gegen dich gewendet werden.
Grenzen klar benennen. Ruhig und konkret: „Bitte frag mich, bevor du an meinen Unterlagen arbeitest.“ Wiederhole den Satz, statt ihn zu erklären.
Vorfälle dokumentieren. Notiere Datum, Situation, Wortlaut und mögliche Zeugen – sachlich, ohne Bewertung, und nicht auf einem Firmenrechner, auf den andere Zugriff haben. Wenn aus einzelnen Spitzen systematisches Mobbing wird, ist diese Dokumentation entscheidend.
Wissen, wann du andere einbeziehst. Wenn deine Arbeit sabotiert wird, Gerüchte deinen Ruf beschädigen oder deine Gesundheit leidet, ist der Punkt erreicht, deine Führungskraft, den Betriebsrat oder Personalrat oder die Personalabteilung einzubeziehen. Geh mit konkreten Beispielen ins Gespräch, nicht mit einer Charakterbeschreibung. Bei rechtlichen Fragen hilft eine Beratung bei einer Fachanwältin oder einem Fachanwalt für Arbeitsrecht oder bei deiner Gewerkschaft.
Wie narzisstische Dynamiken im Kollegenkreis und in Hierarchien entstehen und warum sie so schwer zu durchbrechen sind, beschreibt ausführlich Band 8 der Narzissmus-Analyse-Reihe: „Narzissmus am Arbeitsplatz“.
Selbstfürsorge im Arbeitsalltag
Schaffe dir bewusst Abstand: Pausen außerhalb des Teamraums, ein festes Ritual zum Feierabend, an dem die Arbeit gedanklich endet. Sprich mit Menschen außerhalb der Firma über das, was passiert – sie helfen dir, die Perspektive zu behalten. Dein Wert hängt nicht davon ab, was eine einzelne Person im Team über dich erzählt.
Unterstützung von außen
Wenn dich die Situation dauerhaft belastet, musst du sie nicht allein tragen. Viele Unternehmen bieten einen Betriebsarzt oder eine Betriebsärztin an, die vertraulich beraten. Manche Arbeitgeber haben zudem ein Mitarbeiterunterstützungsprogramm (EAP) mit kostenloser psychologischer Beratung. Auch eine psychosoziale Beratungsstelle oder eine Psychotherapie kann helfen, das Erlebte zu sortieren und wieder Stabilität zu finden. Ein Artikel oder ein Buch bietet Orientierung, ersetzt aber keine fachliche Begleitung. In Krisenmomenten erreichst du die Telefonseelsorge rund um die Uhr und kostenlos unter 0800 111 0 111.
Häufige Fragen zu narzisstischen Kollegen
Wie erkenne ich einen narzisstischen Kollegen?
Achte auf wiederkehrende Muster statt auf einzelne Situationen: fremde Leistungen als eigene verkaufen, unterschiedliches Verhalten je nach Publikum, Abwertung hinter dem Rücken und Gegenangriffe bei Kritik. Wenn mehrere dieser Punkte über längere Zeit zusammenkommen, lohnt es sich, genauer hinzuschauen.
Soll ich die Kollegin oder den Kollegen direkt ansprechen?
Einzelne konkrete Punkte kannst du ruhig und sachlich ansprechen, idealerweise mit einer kurzen schriftlichen Zusammenfassung danach. Ein Grundsatzgespräch über Charakter oder Absichten führt selten weiter. Es liefert der anderen Person eher Stoff für die Opferrolle.
Was tun, wenn ein Kollege Lügen über mich verbreitet?
Bleib ruhig und lass deine Arbeit und dein Verhalten für dich sprechen. Stelle falsche Behauptungen dort, wo sie relevant sind, knapp und sachlich richtig. Halte die Vorfälle schriftlich fest, und wende dich an Führungskraft, Betriebsrat oder Personalabteilung, wenn dein Ruf ernsthaft Schaden nimmt.
Ist das schon Mobbing?
Wenn feindselige Handlungen gezielt, wiederholt und über längere Zeit gegen dich gerichtet sind, kann es sich um Mobbing handeln. Eine sorgfältige Dokumentation hilft dir, das einzuordnen. Ob und welche Ansprüche bestehen, klärt eine arbeitsrechtliche Beratung.
Der nächste Schritt
Wer die Muster kennt, lässt sich weniger leicht verunsichern. Wenn du verstehen möchtest, wie narzisstische Strategien im Berufsleben funktionieren und wie du dich im Team abgrenzt, findest du die ausführliche Analyse in „Narzissmus am Arbeitsplatz“ (E-Book, Band 8). Wer zusätzlich Gaslighting und manipulative Strukturen in Gruppen besser verstehen will, findet Band 1, 3, 6 und 8 gebündelt im E-Book-Paket „Arbeit & Gemeinschaft“.





Kommentare